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Die Wutbürger vom Mauerpark

Welche Rollen in sozialen Strukturen musste Mensch vor z. B. 50 Jahren übernehmen, um auf der Warteliste für eine der neu gebauten Wohnungen in der Frankfurter Allee/Karl-Marx-Allee, ehemals Stalin-Allee, einen Platz mit Chance auf Aussicht nach vorne zu rutschen? Es herrschte Wohnungsnot im zerstörten Berlin und Europa. Auch Jahrzehnte nach dem Kriegsende waren die Wohnungen dort begehrt.

Angenommen ich wäre zu dieser Zeit Ostberliner gewesen, hätte gern die Roling Stones gehört, meine Eltern wären freischaffende Kreative und ich hätte öffentlich geäußert, dass ich mancherlei Entwicklungen zu dieser Zeit wie z. B. In Prag und den Mauerbau gar nicht gut finde. Nun, einen Besichtigungstermin hätte ich wahrscheinlich nicht bekommen.
Nun leben wir im Jahr 2013 und in Berlin wird gebaut und es wird im ganz großen Stiel gebaut. Sämtliche Straßen eines Ortsteils werden gleichzeitig und über Jahre hinweg aufgerissen, nur um im ganz Kleinem zu beginnen. Nun soll auch am Mauerpark, an dem vor noch nicht einmal 24 Jahren, eine der tödlichsten Grenzen der Welt aufgebaut gewesen ist, gebaut werden. Nicht irgendein Park, eine dieser Lungen der Stadt, sondern ein historischer Ort. Ein Ort, der durch die Nachkriegsentwicklung zu einem Platz wurde, an dem die Menschen heute über Trennendes in der Welt und verbindende Antworten reflektieren und kommunizieren können. Ein solcher kulturhistorisch hoch bedeutsamer Ort weckt Begehrlichkeiten. Der richtigen politische Haltung und den richtigen Freunden von früher ist Geld, das auch durch die richtige politische Haltung und den richtigen Freunden angehäuft wird, gewichen.

Wir reden von einem historisch bedeutsamen Ort, ihr redet von Baumaßnahmen und Geschossflächenanzahl

Es zieht ein Geist durch Land, das an Bilderstürmerei erinnert. Historische Spuren, die nicht fein säuberlich in ein möglicherweise privat finanziertes Museum passen, regionale Gegebenheiten, lokale Infra- und gewachsene Bevölkerungsstrukturen werden alternativlos umgekrempelt. Mit einem Tempo und Hektik, verborgen vor den Augen der Öffentlichkeit, als gäbe es im Leben nichts zu lernen.

Auf dem Grund und Boden der ehemaligen Todeszone sollen über 500 hoch- und höchstpreisige Wohnungen gebaut werden. Wer die wenigen bisher bekannten Bilder dieser Gebäude gesehen hat, wird eventuell nun besser verstehen, warum Eingangs von der Frankfurter Allee die Rede war.Diese Gebäude, höher als alle benachbarten Gebäude, sollen auf einer Anhöhe errichtet werden.

Geplanter Bau am MauerparkGeplanter Bau am Mauerpark, Quelle: www.mauerpark.info

Karl-Marx-Allee

Architektur ist Lebensraumgestaltung auch wenn der/die geneigte Steuerzahler*in Ornamentik in Großproduktion am Stadtschlossprojekt bestaunen darf, hat Architektur und insbesondere Stadtplanung, in solchen Großprojekten symbolische Bedeutung. Ein ehemaliger Todesstreifen in einer Millionenmetropole mit jährlich ca. 182 Millionen Besuchern ist kein Anger in einem verwaisten Dorf in Brandenburg, wo es genügend Raum für allerlei Großsmanns-Fantasien gibt. Seit Jahren engagieren sich Mitbürger*innen, damit an diesem bedeutsamen Ort einen gemeinwohlorientierte Perspektive geschaffen wird. Die Bürger engagieren sich, damit eine ehemalige Todeszone zu einem bürgergerbeteiligten denkMal wird. Mittlerweile breitet sich in den umliegenden Wohnquartieren die Erkenntnis aus, was ein solches privatwirschaftliches und Polit-Denkmal für ihre Mieten bedeuten wird.

Wir sind hier und wir sind laut, weil ihr uns den Park zubaut

Am Montagabend trafen sich mehr Bürger*innen als in den großen Raum des Cafe Nielsen hinein konnten, um über weitere Schritte zum Erhalt des einmaligen kulturhistorischen Denkmals Mauerpark zu beraten. In einer, ruhigen, sachlichen, entschlossenen und aufgeklärten Atmosphäre wurde über eine demokratische Alternative debattiert. Es wurde über Gefahrensbindungsrecht, über die Schadensersatzpflicht des Landes Berlins und weshalb es ab kurz nach der Wende an die Deutsche Bahn gegangen ist, gesprochen. Gentrifizierung, mangelnde Bürgerbeteiligung und die Ignoranz des zuständigen Stadtrat Spallek (CDU) gegenüber den Plänen der Bürgerwerkstatt und anderen Bürgerinitiativen haben diesen Abend bestimmt. Ein Abend voller Wut über das Verhalten von Stadtrat Spallek, den Senat und der Groth Gruppe, aber auch Entschlossenheit und Mut nicht einfach dabei zuzusehen.

Der ehemalige Fahrstreifen der Todesschützen sollte nicht zur Zufahrtsstraße für neu Neu-Klein-Tiflis von vor 60 Jahren abgewertet werden. Als Zufahrt für die Feuerwehr ist es offensichtlich auch nicht geeignet. Diese Großbaustelle wird das Leben der Bewohner in Parknähe über etliche Jahre, den so etwas kann schließlich dauern, bestimmen. Ob die freundlichen aber sehr bestimmten Portiere hinterher die Bürger den Fahrstuhl von außen bestaunen lassen, kann heute selbstverständlich noch niemand ganz genau sagen. Diese rund 500 neue Wohnungen auf einem kulturellen Hügel sind nicht für Jedermann. Ein Wohnungsproblem wird damit sicherlich nicht gelöst, doch viele neue Probleme geschaffen.

Dieser Beitrag ist auch als Leserbrief in Prenzlauerberg Nachrichten erschienen.

Ein Kommentar

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    […] Wutbürger vom Mauerpark von Arthur Kaiser, Mitglied der Piratenpartei – auch auf desses website BürgerInnen verurteilen schockierende Mauerpark-Betonpläne der Groth-Gruppe im Café Niesen in […]

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